Esse er, Nachbar!
Schokokeks von einem Fremden?

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Esse er, Nachbar!

2. März 2005

Geschichten aus Madeira - zum Dritten!

Die Fülle der Früchte Madeiras fasziniert alle Besucher der Insel. Gedanken an ein Schlaraffenland werden wach, in welchem rund ums Jahr die köstlichsten Früchte heranreifen und einem in den Schoss fallen.

Die Bäuerinnen und Bauern Madeiras beschenken Fremde gern mit den Früchten ihrer Erde. Wanderer und auch Geschäftsreisende erhalten folglich unterwegs nicht selten Gelegenheit, sich mit frisch geernteten Möhren oder hausgemachtem Wein zu stärken. Ich gedenke, ein altes Bauernhaus am Hang des Talkessels von Arco de Calheta zu kaufen. Nachbarschaftliche Blicke verfolgen meine tapsigen Schritte zwischen den Bananenstauden; nachbarschaftliche Ohren lauschen meinem Gespräch mit Bauunternehmern bezüglich Umbau und Bewirtschaftung des Hofs. Fremde gibt es schon ein paar im Dorf. Nun auch auf dem verwaisten Gut. Nachbarn wollen wissen, wer da einzieht. Die alte Frau, die den Garten ihres Neffen bewirtschaftet, der seit Langem in Venezuela lebt, reicht auf einem Kohlkopfblatt Pflaumen ähnliche Früchte. „Esse er, Nachbar! Esse er!“ Die höfliche Anrede im Portugiesischen entspricht der der Goethe-Zeit, wenn der Adelige mit dem Bürgerlichen oder dem Lakaien redet. Die Früchte erfrischen. Am Auto warten zwei weitere Nachbarinnen. Alte Frauen sind am Neugierigsten. Sie stellen mir Fragen in bäuerlichem Dialekt, die ich nicht verstehe. Ich schenke ihnen Schokoladenkekse. Vielleicht um ihren Mund zu stopfen. Denn sie reden wie ein Wasserfall auf mich ein. Aber die Bäuerinnen essen die Kekse nicht. Sie halten sie zwischen Daumen und Zeigefinger in der Hand. „So esse sie doch, Nachbarin!“ unterbreche ich den Redefluss der einen. Sie führt den Keks zum Mund, aber beisst nicht hinein. „So esse sie doch, Nachbarin!“ nötige ich die Andere. Sie führt den Keks zum Mund, ohne ihn anzubeissen. Als ich das Auto zurück setze, hängen beider Arme wieder lang herab, ein klein wenig abgespreizt. Ein Keks in jeweils einer Hand, am Rande fest gehalten mit Daumen und Zeigefinger. „Sie haben ihn weg geworfen, sobald du hinter der Kurve verschwunden bist“, erklärt mir meine madeirensische Freundin später. „Denn als Kinder lernten sie: ‚Nimm nie was von einem Fremden!‘ Und daran halten sie sich bis zu ihrem Tod.“

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