Mestre Jorge in seinem Lager
Mestre Jorge aus Livramento

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Gute Arbeit für wenig Geld

15. Februar 2005

Handwerk auf Madeira

Im Schadensfall tauschen Handwerker auf Madeira nicht sofort neu gegen alt. Wo möglich, reparieren sie noch. Wenn Not am Mann sogar nach Feierabend ohne Aufpreis.Natürlich muß man gezielt nach den "Richtigen" suchen. Pappenheimer gibt es überall - auch auf Madeira. Hat man schließlich herausgefunden, wer solide, zuverlässig und preiswert arbeitet, ist man gut bedient. Einzige Bedingung: Der Auftraggeber muß die Arbeit mit Interesse verfolgen. Denn Handwerker auf Madeira arbeiten nicht nur für Geld. Sie wollen zudem mit Anerkennung belohnt werden. Der leitende Angestellte einer deutschen Handwerkskammer rieb sich verdutzt die Augen. Als Feriengast auf Madeira erfuhr er zufälligerweise die Preise und auch Einiges über die Arbeitsmoral Madeirensischer Handwerker. "Junge, Junge, so wat müßt et bei uns ooch geben. Aber det is vorbei." Gute madeirensische Handwerker beenden ihre Arbeit per Handschlag und mit einem festen Blick in die Augen des Auftraggebers. Diese Art des Abschlusses bezeugt Arbeitsethik. Sie wollen ihr Bestes geben: Wissen und Fertigkeit. Sollte der Auftraggeber nachträglich Mängel geltend machen, kehren sie rasch an den Ausgangsort zurück. Es geht ihnen nicht nur um die Behebung des Mangels, auch um die Bewahrung ihrer beruflichen Ehre. Die Preise des madeirensischen Handwerks fallen überraschend niedrig aus. Da ist zum Beispiel im Motor eines Autos das Teil defekt, das den Strom von der Batterie an die Bremsleuchten weiterleitet. Der gewissenhafte Mechaniker legt sich unter den Motorraum, diagnostiziert den Fehler und zieht telefonisch einen Elektro-Kollegen zu Rate. Dieser hat tags darauf noch einen Termin frei. Also bringt der Mechaniker zum vereinbarten Zeitpunkt den Wagen in die Elektro-Werkstatt des Kollegen. Der Elektromeister ersetzt das defekte Teil durch ein neues. Danach wird der Stromfluß gemessen. Die Bremslichter leuchten wieder. Der Mechaniker fährt den Wagen zurück zu seiner Werkstatt, wo er abends vom zufriedenen Kunden abgeholt wird. Kostenpunkt: 30 Euro für alles. "Dafür würde bei uns keiner mehr die Motorhaube hochklappen", schüttelte der Feriengast von der deutschen Handelskammer seinen Kopf. - Ein anderes Beispiel: Bei Basketballschuhen ist ein kleines Loch zwischen der Seitenverstärkung und dem Obermaterial eingerissen. In einer Schnellschusterei in Funchal sitzt die Kundin am Thresen, von wo sie dem nähenden Meister zuschaut und mit ihm derweil über Sportschuhe fachsimpelt. Nach fünfminütiger Arbeit mit der Nadel ist der Schuh genäht, das Loch verschwunden. Kosten der Schuhmacherleistung: umsonst. Der Meister betreibt selbst Sport in der Freizeit und weiß, wie wichtig ordentliches Schuhwerk dabei ist. Zum Schluß tauschen die beiden einen freundlichen Blick aus. Einen offenen Blick unter Sportsfreunden. Unser Foto zeigt Klempner Jorge aus Livramento in Ponta do Sol. Senhor Jorge zeichnet sich auch durch sein riesiges Arsenal an alten Ersatzteilen aus. Wenn er irgendwo einen neuen Toilettenspülkasten einbaut, bewahrt er die alten Teile auf. Und wenn bei Kundin Dona Maria aus einem ganz anderen Ort dann ein halbes Jahr später der Schwimmer im unter Putz verlegten Spülkasten abbricht, dann sucht und findet Meister Jorge ein passendes Ersatzteil und baut es ein. Selbst bei uralten Systemen, die längst nicht mehr produziert werden, findet Meister Jorge eine Lösung – und wenn er sie selbst zusammenbaut! Neue Technik ist für ihn dennoch kein Fremdwort: er ist Fachmann für den Einbau von Solarenergie.

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