Tremocos
Fussball am Tresen

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Tischfussball

13. Februar 2005

Geschichten aus Madeira - zum Zweiten

Fussball ist allgegenwärtig auf Madeira. Und Bier trinken auch. Wer Bier trinkt, wird bald hungrig. Darum servieren madeirensische Wirte Tremocos, das sind Lupinenkerne. Da kriegt man bald wieder Durst. Was das nun wiederum mit dem Fussball zu tun hat?

Bei den Fussballschlachten der heimischen Equipe Marítimo strömen die madereinsischen Männer ins Stadion oder stehen zu Dritt in Hauseingängen und lauschen begeistert der Live-Reportage im kleinen Transistorradio. Im grossen Stadion von Funchal empfängt Marítimo Madeira, das immerhin in der ersten Liga spielt, die bedeutenden Mannschaften des Festlandes. Nach einem Sieg steigen Knaller in den Nachthimmel und rhythmisches Hupen begleitet die Heimfahrt. Tage später noch drehen sich Gespräche auf Baustellen, in Büros und Kneipen um die umstrittenen oder sensazionellen Szenen des Matches vom vergangenen Sonntag. Natürlich werden auch die Spiele der Erfolgsmannschaften Festlandportugals kommen-tiert. Der Wirt einer kleinen Kneipe am Ende der Rua Da Carreira in Funchal will wissen, ob ich die Begegnung zwischen dem FC Porto und Bayern München gesehen habe. Die Bayern haben ihr Siegtor aus dem Abseits geschossen, finden alle Portugiesen. Mich interessiert der Fussball nicht besonders. Der Wirt legt meine Zurückhaltung als dezente Parteinahme für den Club aus Deutschland aus. Daran will der Mann nicht rütteln. Nur das Siegtor - und das sei keine Frage des Patriotismus - war unverdient, weil aus der Abseitsposition erzielt. Mir das zu veranschaulichen, holt der Wirt sechs Lupinenkerne aus einem Fässchen unterhalb der Theke empor und ordnet sie auf dem Tresen zum fraglichen Spielzug. Lupinenkerne werden in Madeira auf Untertassen zum Bier gereicht. Sie sind in Knoblauchöl eingelegt und schmecken womöglich herzhaft, wenn man sie mit reichlich Alkohol herunter spült. Einer dieser kleinen gelben Kerne auf dem Tresen ist der Ball. Die anderen sind Spieler. Der Wirt schiebt vor meinen Augen in didaktischer Langsamkeit Ball und Spieler hin und her. Die Kerne hinterlassen Spuren. Das Knoblauchöl sickert in feine Ritzen des Tresenholzes. Weisse Knoblauchteilchen liegen wie aufgerissene Rasenstücke auf dem Spielfeld. Ein Spieler rutscht über den Tresenrand ins Spülwasser, als der Wirt ihn unabsichtlich mit seinem Hemdsärmel foult. Ein angetrunkener Gast spielt plötzlich mit. Spieler und Ball werden mit Zeigefingern bewegt. Das Öl auf den Fingerkuppen lecken die Akteure in Spielpausen ab. Klar, es war Abseits. Nach der fünften Wiederholung haben sie den Fremden überzeugt. Zufrieden streicht der Wirt die Lupinenkerne ins Fässchen zurück und verreibt mit einem Lappen das Knoblauchöl über dem gesamten Tresen. Gelehriger Schüler, der ich bin, bekomme ich vom angetrunkenen Nachbarn ein Bier spendiert. Der Wirt reicht dazu auf einer Untertasse Lupinenkerne.

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