Madeirawein
Ein edler Tropfen - der Madeirawein

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Weinseligkeit

1. August 2005

Der Madeirawein. Ein Kabinettstück

Dem Erdboden Madeiras fehlt Kalk. Folge davon – und darüber hinaus Konsequenz des ausgeglichenen Klimas - ist eine tropische Pflanzenwelt, die auf dem betreffenden Breitengrad eigentlich nichts verloren hat (sagen inselreisende Biologen immer wieder – augenreibend und kopfschüttelnd). Gleichfalls resultiert aus dem Fehlen von Kalk im Erdreich der Insel eine leider nur bescheidene Weinqualität. Der Madeirawein macht aus der Not eine Tugend. Er veredelt vier geniessbare Weine mit unterschiedlichen Charakteren durch langjährige Wärmereifung und Eichenfaßlagerung zu edlen Tropfen. Unter Zuführung von Alkohol entsteht ein fast zwanzigprozentiger Apéritif oder Digestif, der zum Kochen viel zu schade ist (sagen Weinselige mit rührender Miene).Wer den Madeirawein erfand, ist ungeklärt. Zwei Legenden konkurrieren miteinander. Die eine schreibt die Erfindung portugiesischen Seefahrern zu. Diese verschifften damals Güter aus der Heimat entlang der afrikanischen Westküste, an Indien vorbei bis nach China. Überall dort verzeichnete Portugal Besitztümer mit Landsleuten, die ohne Nahrungsmittel und Wein von zu Hause nicht hätten überleben können. Regelmäßig beförderten also Schiffe aus Porto oder Lissabon portugiesischen Wein und andere heimische Nahrungsmittel in die Ferne. Auf der grossen Reise wurde in Madeira Station gemacht. Bei der Gelegenheit nahm man nicht nur Trinkwasser auf. Die von der Schiffsmannschaft auf der kurzen Strecke entschieden dezimierten Weinvorräte waren aufzufüllen. Au diese Weise gelangten die ersten Fässer mit Wein aus Madeira in den Fernen Osten. Dieser Wein galt als minderwertig, verglichen mit den edlen Tropfen aus dem Douro oder dem Alentejo. Doch wie erstaunt waren die Landsleute im indischen Goa oder chinesischen Macao, als sie den Wein goutierten. Ein schwerer, gehaltvoller, köstlicher Tropfen rann da die Kehlen hinunter und erntete begeisterten Zuspruch. Der Madeira-Wein war geboren. Die Portugiesen glaubten fortan, die Köstlichkeit des alkoholreichen Getränks verdanke sich dem Umstand der Äquatorial-Passage. Es soll dann so gewesen sein, dass jahrzehntelang Lieferungen von Madeira an Festlandportugal oder andere Regionen Europas erst einmal über den Äquator verschifft wurden, bevor sie Kurs auf die nördlich gelegenen Bestimmungsorte nahmen. Der Äquator galt als „Meistermacher“, als Sonnenzone, in der der Wein seine außergewöhnliche Qualität erhielt. Die Legende von der Äquatorialpassage erklärt freilich nicht, wie der Madeirawein zu seinem hohen Alkoholgehalt gelangt. Für Hochprozentiges jedoch sind die Engländer gut, mit denen wir zur zweiten Legende gelangen. Im erfolgreichen Widerstand gegen Napoleons Marsch auf Lissabon richtete der Herzog von Wellington auf Madeira eine Nachschub-Basis ein. Auf dem sonnenverwöhnten Archipel mehr als 900 km südlich von Europa standen Tausende englischer Soldaten Gewehr bei Fuß, um im Falle englischer Niederlagen auf dem Kontinent als letztes Aufgebot dem verhaßten französischen Imperator die Stirn zu bieten. Wellingtons Truppen freilich schlugen die Franzosen in Portugal, Spanien und zuletzt selbst auf französischem Terrain bei Toulouse so verheerend, daß die madeirensische Abteilung gar nicht zum Einsatz kam. Für ihre lange Schiffsreise zurück in die Heimat benötigen die englischen Veteranen natürlich auch Wein als Proviant. Da sie befürchteten, dass ihnen unterwegs der Wein zu Essig umkippte, machten sie den Rebensaft mit Brandy haltbar. Lange bevor sie die englische Küste erreichten, hörte man das weinselige Gejohle der königlichen Mannschaften. Der veredelte Madeira-Wein tat seine Wirkung. So oder so war der Hergang. Englische Kaufleute erkannten schnell den Wert des neuen Produkts. Sie nahmen den Export des inzwischen nach vier Richtungen differenzierten Edelgetränks zuerst nach England, später dann in die ganze Welt in die Hand. Madeira-Wein kann trocken (Sercial) und halbtrocken sein (Verdelho), süffig-lieblich (Boal) oder klebrig süß (Malvasia). Eine der grossen madeirensischen Firmen im Madeiraweinhandel ist Henriques & Henriques. Die Firma sitzt in Camara de Lobos, was den Vorteil hat, dass der Kunde dort einen guten Madeira-Wein billiger erstehen kann als in der Inselhauptstadt, wo man die Adresse mitbezahlt. Die alteingesessenen englischen Handelskontore Blandy oder Leacock sitzen natürlich an den Nobeladressen Funchals. Bei Henriques & Henriques findet sich im Ausstellungsraum ein Buch aus dem Versandkontor. Es ist beeindruckend zu lesen, wie die Firma über Jahrzehnte in alle Teile Europas und Amerikas lieferte. Von Kopenhagen bis New York, von Hamburg bis Paris. Der Name „Madeira-Wein“ ist geschützt, obwohl aus dem fernen Osten gelegenlich Billigprodukte mit demselben Namen zu deutlich niedrigeren Preisen auf den Markt gelangen. Flaschen mit dem Etikett „Madeirawein“ ohne Altersangabe enthalten dreijährigen Wein. Dieser und auch der fünfjährige Wein werden künstlich erhitzt. Erst der zehnjährige und fünfzehnjährige Madeira-Wein reifen im Eichenfass, der natürlichen und konstanten Wärme Madeiras ausgesetzt. Überall auf der Insel, nicht nur in Camara de Lobos, kann man die vier Sorten verkosten. Und wer eine Erinnerung mit nach Hause nehmen will, sollte ruhig ein wenig probieren und erst dann investieren – die Qualtitätsunterschiede sind enorm.

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