Der Polizist am Imbiss
Glück gehabt!

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Der Polizist am Imbiss

27. Dezember 2004

Geschichten aus Madeira - zum Ersten

Die folgende Geschichte unseres Gastautors Julian Röwekamp entstand vor mehreren Jahren, als die Schnellstrasse noch nicht den Westen Madeiras zerpflügt hatte.

Prazeres heisst ein Dorf an der Westküste. „Vergnügen, Freude, Genuss“ ist die deutsche Übersetzung des Ortsnamens. Ein Genuss ist das Kartoffelbrot, das an Wochenenden zwei geschäftstüchtige Bäuerinnen auf der Hauptkreuzung von Prazeres backen und feil bieten. Das heisse Brot wird dick mit Knoblauchbutter bestrichen. Es schmeckt Feriengästen und Einheimischen vorzüglich. Die Einheimischen verzehren den „Bolo de caco“ an Ort und Stelle. So auch der lokale Verkehrspolizist, der an einem Samstag Nachmittag im Februar an der Kreuzung von Prazeres mit Heisshunger sein Kartoffelbrot verschlingt. Dabei ist der Ordnungshüter natürlich wacker auf seinem Posten. Und es entgeht ihm keineswegs, dass die beiden Jugendlichen, die auf einem Moped die Haupt-strasse von Prazeres entlang gebrettert kommen, viel zu schnell fahren. Mit schätzungsweise 70 bis 75 Stundenkilometern holen sie aus ihrer Maschine alles heraus, was sie hergibt. Die Augen des Polizisten weiten sich, als das Moped an ihm vorüber rattert. Unglücklicherweise hat der Mann kurz zuvor einen beherzten Bissen genommen. Der will erst einmal zerkaut und verschlungen werden. Der Polizist legt einen Zahn zu, zermalmt das Brot förmlich. Endlich hat er den Mund leer, kann Luft holen und „Langsamer!“ brüllen. Da sind aber die Übeltäter schon 30, 35 Meter hinterm Imbiss. Das Motorgeräusch des Mopeds übertönt bei Weitem die Stimme des Uniformierten, so dass man meinen kann, sie haben den Befehl gar nicht vernommen. Möglicherweise ist den beiden Halbstarken bei ihrer rasanten Fahrt vorbei am Imbiss gar nicht klar geworden, welche Amtsperson ihnen da mit drohendem Blick und vollem Mund nachguckte. Der Polizist mustert kurz seine schwere Maschine am Strassenrand. Die Chance, die Beiden in einer wilden Verfolgungsfahrt zu stellen, ist gross. Der Mann überlegt nicht lange und - beisst wieder in sein leckeres Kartoffelbrot. Lange Zeit steht er noch am Imbiss, um den Verkehr zu beobachten und mit anderen Leckermäulern zu plaudern.

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