Levada Prazeres
Sonne und Schatten wechseln sich ab

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Vinho Caseiro und eine Gratiswäsche für das Auto

24. Juli 2004

Impressionen während und nach einer Levadawanderung

Die Autorin verbrachte im Frühjahr 2004 Ferien im Südwesten Madeiras. Zu Hause in Südbaden schreibt sie Gedichte und Prosa. Themen sind hauptsächlich Landschaften und Menschen. Außerdem betreibt Claudia Richter den kleinen Verlag mauvaiseherbe. (http://www.mauvaiseherbe.de) Im Juli erscheinen zwei neue Bücher: "Unentdeckte Schätze im Markgräflerland, Eine Liebeserklärung" und "Mosaiksteinchen, Gedichte und Fotos".

Es ist ein Sonntag im Mai. Wir brechen auf, um entlang der Levada zu wandern, die von Prazeres aus in östlicher und westlicher Richtung verläuft. Wir gehen nach Westen. Levadawanderungen sind in sofern recht entspannend, weil sie immer gleichmässig entlang des Wasserlaufs führen.

Die Wege steigen nicht steil an und Abstiege gibt es auch nicht. Manchmal nur sind sie recht schmal. Für einigen Levadawanderungen wird Schwindelfreiheit vorausgesetzt. Trittfeste Wanderschuhe sind notwendig, weil es oftmals neben dem Pfad senkrecht abwärts geht. Die Wege können feucht und glitschig sein. Heute ist das Wetter durchwachsen. Sonnenschein wechselt sich mit Wolken ab, es ist nicht sehr warm. Als wir durch ein Dorf kommen, begegnet uns ein sehr altes, gebeugtes Mütterchen, das unter größter Anstrengung seine Ernte auf der Schulter nach Hause schleppt. Diese mühsame Art des Tranports von Erntegut, aber auch von Futter oder Mist kann man auf Madeira immer wieder beobachten. Sie dokumentieren die riesigen Unterschiede im Leben der Bevölkerung. Die Diskrepanz zwischen bettelarmen und wohlhabenden Menschen ist immens. Alte verfallene und verlassene Steinhäuschen stehen neben riesigen, modernen Palästen. Die alten Häuschen bleiben einfach stehen und verfallen weiterhin. In einem von ihnen konnten wir noch eine alte Trotte und Holzfässer finden. Uns ist, als hörten wir in der Ferne leise, klassische Musik. Möglicherweise sitzen irgendwo Picknicker, die ein Radio dabei haben. Wir gehen weiter, vorbei an Afrikanischen Liebesblumen, die hier wachsen wie Unkraut. Tausende von Eidechsen flitzen uns über den Weg. Immer wieder sehen wir Blumen in allen Farben und Formen, Hortensien, Lilien, Strelitzien und natürlich Weinreben all überall. Mal verwahrloste, mal gepflegte Anlagen. Die Musik wird lauter. Tatsächlich treffen wir auch auf eine große Familie, die sich auf einem dieser fest installierten Picknickplätze niedergelassen hat. Dort gibt es Bänke und Tische und eine Feuerstelle. Auf Madeira gibt es viele solcher Plätze, an denen Einheimische oder auch Touristen ihre Mahlzeit im Freien zubereiten können. Diese Leute hier sind Einheimische. Eine Bauernfamilie aus Ribeira Brava. Sie haben aber kein laufendes Radio dabei. Dafür aber Fleischspieße, Steaks, Fisch, Brot und Vinho Caseiro. Sie sehen uns und begrüßen uns, als wären wir alte Bekannte. Sofort werden wir eingeladen, den Hauswein zu probieren. Natürlich müssen wir auch von den pikanten Grillspießen kosten. Wir sitzen zwischen den Leuten als gehörten wir zur Familie und radebrechen in einem fantasievollen Sprachmix. Die Unterhaltung ist für alle sehr vergnüglich. Als wir schließlich aufbrechen wollen, muss von der ganzen Versammlung noch ein Foto gemacht werden. Mit großem Hallo werden wir verabschiedet. Wir setzen unseren Weg fort. Die Musik wird lauter. Partien von Mozart kann ich heraushören und von Schumann. Auch andere Wanderer sind unterwegs. Wir treffen Engländer, Holländer und Deutsche. Der weite Ausblick über das ganze Tal bis hin zum Meer begleitet uns eine Zeit lang. Fasziniert setzen wir uns auf ein paar Steine, hören Musik und schauen. Eine portugiesische Frau kommt vorbei und spricht uns auf Französisch an. Wir kommen ins Gespräch und sie erzählt, dass sie viele Jahre in Frankreich gelebt und gearbeitet hat und jetzt wieder zu Hause auf Madeira wohnt. Ihr Sohn aber ist immer noch in Frankreich und hat dort gute Arbeit. Dann zeigt sie uns ihr Haus. Es ist einer dieser Paläste, die sich nur die Leute leisten können, die es zu etwas gebracht haben. Unser Weg führt uns weiter nach Westen. Die Musik wird immer lauter. In der Ferne sehen wir ein Dörfchen. Mitten in dem Dörfchen steht eine Kirche. Ein weißer Kirchturm überragt die Häuser. Wir folgen dem Lauf der Levada und nähern uns dem Dorf. Plötzlich wird uns bewusst, dass die Musik von der Kirche her kommt. Es scheint, als wolle der Pfarrer seine Schäfchen zur Feier des Sonntags über viele Kilometer hinweg mit klassischer Musik beschallen. Ein bisschen belustigt und musikalisch beschwingt gehen wir noch ein Stück weiter. Irgendwann kommt die Zeit zur Umkehr. Schließlich müssen wir den ganzen Weg auch wieder zurückgehen. Das Wetter ist wärmer geworden. Jetzt brennt zeitweise die Sonne auf uns herunter. In einem „Tante- Emma-Laden“ von denen es hier noch reichlich gibt, wollen wir Brot und ein Stück Käse kaufen. Der Chef begreift sofort, verschwindet hinter der Theke und kommt mit zwei reichlich belegten „Sandes“ (Sandwiches) zurück, für die er dann gerade mal einen Euro verlangt. Dazu trinken wir Vinho Caseiro, für 50 Cent das Glas. Der Rückweg ist wieder ganz neu. Es ist immer spannend, Wanderwege aus beiden Perspektiven zu betrachten. In umgekehrter Richtung sieht immer alles wieder ganz anders aus. Am Ausgangspunkt angekommen, steigen wir in unser Mietauto. Es ist Abend. Wir fahren nach Jardim do Mar, zu Joe, um den Wandertag ausklingen zu lassen. Wir kennen die Bar, weil wir schon des Öfteren dort waren. So wissen wir, was uns erwartet. Der Fernseher läuft. Es wird ein Fußballspiel gesendet. In dem dunklen Raum sitzen nur Männer. Es riecht nach Knoblauch und Kräutern, vermischt mit Zigarrettenrauch. Manche der Gäste sehen fern, andere spielen Karten, wieder andere diskutieren lebhaft gestikulierend. Die Bar ist Treffpunkt des Ortes. Der Wirt nimmt es niemandem übel, wenn er nur redet oder spielt, aber nichts verzehrt oder trinkt. Alles ist toleriert. Zwischendurch kommt der Ortspolizist, begrüßt die Leute, indem er ihnen freundschaftlich auf die Schulter klopft. Sie trinken zusammen ein Glas, dann geht der Polizist wieder. In einer anderen Ecke der Bar sitzt der Makler. Er fachsimpelt gerade mit Kunden und studiert den Grundriss einer Wohnung. Ein Junge kommt herein, sucht den Vater, berichtet ihm irgendetwas und geht dann wieder. Die Frauen sind zu Hause. Das ist in den kleinen Orten eben noch so. Die Speisekarte ist nicht gerade üppig. Aber was es gibt, ist gut und frisch. Die Bananen in dem Salat hingen vorhin noch an der Staude im Hof!Gestärkt und ausgeruht fahren wir heim. Die Fahrt in Richtung Funchal zieht sich momentan noch in Serpentinen an den Felsen entlang. Es ist eine lange Fahrt, weil die felsige Küste sehr unwegsam ist. Die Straßen sind löcherig. Wasserfälle rauschen vom Felsen oberhalb geradewegs über die Straße hinunter in Meer. Wir nützen die Gelegenheit und stellen das Auto unter einen solchen Wasserschwall, warten einen Moment und setzen dann mit einem frisch geduschten Auto unseren Weg fort. Diese Romantik gehört allerdings bald der Vergangenheit an. Von Funchal aus wird nach Westen eine Schnellstraße gebaut. Die Felsen werden untertunnelt und die Fahrzeit verkürzt sich erheblich. Das hat sicherlich seine Vorteile, aber es wird auch viel von dem ursprünglichen Madeira verloren gehen.

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