Esel in der Quinta Pedagogica
Diesen beiden geht es sichtlich gut

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Die Arche Noah von Prazeres

11. Juli 2004

Auch auf Madeira wird "Natur" zum Fremdwort

Vierzig Millionen Euro hat die neue Schnellstrasse von Calheta nach Prazeres gekostet – nur einen Euro kostet der Eintritt in das „Pädagogische Landgut“ am Ende dieser Strasse. Die nagelneue Piste frisst sich über Brücken und durch Tunnels in den Westen der Insel hinein. „Fortschritt und Entwicklung“ heisst im Programm der Inselverwaltung die Denaturierung der ländlichen Region. Als Arche Noah erscheint da die Vielfalt von Tier- und Pflanzenleben im pädagogischen Landgut mitten in Prazeres. In der „Quinta Pedagogica“ leben einheimische und exotische Pflanzen und Tiere, zur Freude der Besucher aus nah und fern.Die Sinne werden angesprochen von vietnamesischen Schweinen und Lamas, Vogel-Strauss-Paaren mit Jungen, störrischen Eseln, Pfefferminz, Oregano, Pertersilie. Und inmitten seines Naturparks grüsst manchmal auch der stolze Herr Pfarrer seine schnuppernden, lachenden, sich labenden menschlichen Gäste. Ein kleines Kirchfest mit Versteigerung hat Rui Sousa kürzlich inszeniert. Zu haben waren die schönsten Hähne von Prazeres. Das eingenommene Geld braucht der Pfarrer dingend zum Unterhalt des kleinen Zoos. Die Tiere fressen sonst die Kirchenkasse leer. Vor rund vier Jahren ist das pädagogische Landgut entstanden. Die Kinder der Region sollen die Tier- und Pflanzenwelt erleben lernen. So die Intention. Für uns Westeuropäer ist das eine bizarre Idee. Madeira scheint auf den ersten Blick Natur pur. Doch die Zivilisation untergräbt auch an der Peripherie zur Dritten Welt natürliche Verhältnisse. Kinder werden vor dem Fernseher oder Computer dick und ungelenk. Sie schauen lieber Fussball als selbst zu kicken. Wandern gilt als langweilig, denn mit dem Auto geht es schneller. Der Bau der Schnellstrasse gibt dem Pfarrer Recht. Im Nachhinein. So hat er mit dem Kinder-Garten eine Art Arche Noah gebaut. Nicht aber, um die Tiere zu retten. Sondern seine menschlichen Schäflein, die über den künstlichen Reizen des modernen Lebens, in dem alles schnell und unmittelbar passieren muss, die eigene Identität verleugnen: Selbst Teil der Natur zu sein. Störrisch wie Esel, eitel wie Gockel. Vogel-Strauss-Politik ist es allerdings nicht, was Pfarrer Sousa mit seinem Pädagogischen Landgut macht..

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