Parkbank
Die Bitcoin-Bank in Funchal

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Satire

21. August 2017

Des Kaisers neue Gelder

bauna - Ian MacLough kamen die Ferien auf Madeira teuer zu stehen. Der Schotte verfluchte „the fucking English“, die alles daran setzten, das britische Pfund zu entwerten. Gerade hatte er beim Geldwechsel für seine lumpigen Pfund kaum Euro gekriegt. Mürrisch fläzte sich der Sommerfrischler auf eine Bank im Stadtgarten von Funchal, um unter einer Zeitung getarnt die paar Banknoten nachzuzählen. Den neugierigen Blicken von Betto, der auf der Nachbarbank mit seinem stinkenden Rucksack und einer Plastiktüte hockte, entging der Zählvorgang keineswegs. Der Stadtstreicher mühte sich hoch und schlich demütig mit ausgestreckter Hand zum Schotten hin. „Hasse ma nen Euro?“

- „Der Bastard hat mir gerade noch gefehlt“, murmelt MacLough. Aber weil er in Steinwurfweite der früheren Schottischen Kirche saß, zeigte er Mitgefühl. „Ich geb' Dir jetzt was, das ist 4000 Euro wert“, sagte der Schotte, voller Erbarmen. „In Deine Hand lege ich einen Bitcoin. Das ist das Geld der Zukunft. Du kannst es nicht sehen, es hat kein Gewicht, du spürst es nicht in der Hand. Aber es ist viel, viel wert. Geh in Gottes Namen, mein Freund.“ Betto starrte in seine Handfläche. „Aber da ist doch gar nix drin“, stammelte er ungläubig. - „Mann, ich beschenke Dich mit dem Geld der Zukunft, und du beklagst dich noch? Der Bitcoin, den du auf der Hand hast, der ist rein digital, verstehst du? Da kannst du gucken, riechen, versuchen drauf zu kauen. Da findest du nichts mehr, außer dem Wert, den die Banken ihm geben! Und der ist tausendfach.“ - „Meister“, fragte Betto, „bin ich jetzt reich?“ - „Viertausend Euro haste von mir gekriegt. Das ist der Bitcoin in deiner Hand. Damit wirst Du gut über die Runden kommen. Und jetzt hau ab!“ Betto schloss ganz vorsichtig seine Finger um den Bitcoin und trollte zu seiner Bank zurück. Er zählte plötzlich zu denen, die das Leben beschenkt. „Danke, Meister. Tausend Dank“, rief Betto nochmal rüber zu dem Wohltäter. Der Schotte war froh, den Penner so billig losgeworden zu sein.

Auf der Nachbarbank zur anderen Seite saß die ganze Zeit über ein älterer Herr, der gierig und ohne Unterlass den Rauch einer dicken Zigarre einsog. Der Mann trug einen altmodischen, maßgeschneiderten Anzug, hatte kleine Schweinsäuglein im Gesicht und seine Haut tendierte ins Rötliche. Der Mann war der Allzeit-Regent Madeiras – eine Art Donald Trump im Kleinformat – der zum Schluss seiner Amtszeit sechs Milliarden Schulden gegenüber der Zentralregierung Portugals versteckt hatte. Ihm sollte ursprünglich der Prozess gemacht werden. Dann hatte man zu seiner Erleichterung das Verfahren auf Eis gelegt, bis vor kurzem eine junge, unerbittliche Staatsanwältin alles neu aufrollen wollte. Über Alberto João hing ein Damokles-Schwert. Das wusste der alte Imperator und deshalb verfolgte er die Begegnung zwischen dem geizigen Schotten und dem tumben Bettler voller Spannung. „Das könnte meine Rettung sein“, pfiff es aus dem Mund des Alten. Er erhob sich und steuerte stracks die Sparkassen-Zentrale von Funchal an, die ganz in der Nähe lag. „Pass mal auf“, platzte er ins Büro eines höheren Sachbearbeiters hinein, der wie fast alle in den öffentlichen Ämtern Madeiras Parteimitglied war. „Du weißt doch, diese neue Staatsanwältin aus Lissabon will mich fertig machen. Ich habe es mir überlegt. Ich zahle die sechs Milliarden und du machst jetzt die Überweisung auf das amtliche Konto dieser Schachtel fertig. Klar?“ Niemand hat es je gewagt, dem Potentaten Madeiras zu widersprechen. Also öffnete der Kassenangestellte dienstbeflissen das Überweisungsprogramm. „Ich zahle in Bitcoin“, sagte Alberto João mit festem Blick. „Bitcoin? Was ist denn das?“ Der Mann von der Sparkasse guckte entgeistert. „Schlag mal schnell bei google „Bitcoin“ auf, dann weißt du Bescheid.“ Bei diesen Worten stellte sich Alberto João entschieden auf die Zehenspitzen. „Das gibt es ja wohl nicht! Ein Bitcoin, das sind viertausend Euro.“ Der Banker rieb sich die Augen. Den Moment der Überraschung nutzte Alberto João aus. „So, ich geb dir jetzt 1,5 Milliarden Bitcoins. Hol mal schnell einen Din-A-4-Umschlag her.“ Gehorsam erhob sich der Banker, fragte kleinlaut: „Meinst du, dass ein Din-A-4-Umschlag groß genug ist?“ - „Quatschkopf, tu was ich dir sage. Bitcoins sind unsichtbar, haben kein Gewicht und keinen Umfang. In welcher Zeit lebst du eigentlich?“ Der Bankangestellte wusste genau, wenn Alberto João ungemütlich würde, gäbe es kein Zuckerschlecken mehr. „Ich habe einen wattierten Umschlag herausgeholt. Ist das recht so?“ fragte er mitdenkend – so meinte er jedenfalls. „Vollidiot“, war die Antwort. „Und jetzt sack ein!“ Alberto João holte aus allen Hosen- und Jackentaschen Hände voller Bitcoins und der Angestellte packte sie in den Umschlag. Dabei zählte Alberto João laut mit. „Eine Million, hundert Millionen, tausend Millionen. Das ist eine Milliarde. Und hier noch ne halbe Milliarde. Passt alles rein. Willst du nochmal nachzählen?“ - „Nee,nee, ich hab mitgezählt. Aber komisch, dass man irgendwie....du weißt schon?“ - „Klar, ich verstehe dich. Du hast dein ganzes Leben Scheine zwischen den Fingern gespürt. Und jetzt mit dem Bitcoin....Du musst dich an die digitale Welt gewöhnen. Sicher nicht leicht!“ Der Potentat gab dem Bankangestellten einen aufmunternden Klaps. - „Aber ich kann den erhaltenden Betrag gar nicht verbuchen, Alberto João.Weil meine Software noch gar keine Spalte für den Bitcoin hat.“ Jetzt wurde der Alte doch ungemütlich: „Dann rechnest du gefälligst in Euro um und schickst unverzüglich sechs Milliarden auf das Konto der Generalstaatsanwaltschaft. Damit die endlich die Schnauze halten.“
Der Bankangestellte verschloss den wattierten Umschlag mit den 1,5 Milliarden Bitcoins sorgfältig im Safe und schickte die Überweisung, wie ihm befohlen, auf den Weg. „Noch eine Frage: Was ist, wenn ich Ärger kriege?“ - „Beruf dich auf mich. Außerdem werde ich dafür sorgen, dass du zum Sparkassendirektor befördert wirst.“ Alberto João schüttelte seinem Gegenüber vertrauensbildend die Hand und verschwand schnell, um draußen eine neue Zigarre zu schmauchen.

Kurz darauf tobte der amtierende Direktor rein. „Bist du denn verrückt geworden? Du buchst sechs Milliarden von unserem Institut ohne jegliche Deckung ab? Das ist unser Ruin!“ - „Deckung, Chef, hab ich im Safe. In Bitcoins, wie der gute Alberto João sagt: die Währung der Zukunft.“ Der Direktor hoffte, dass doch nicht alles verloren war. Eine Minute später steckten beide Männer ihre Köpfe in den leeren Umschlag. „Wo sollen denn da drin deine verdammten Bitcoins liegen?“ - „Sie sind unsichtbar, Chef“ flüsterte der Angestellte. „Und woher weißt du, dass der Alberto João sie wirklich darein gelegt hat?“- „Er hat mir den Betrag vorgezählt, und einmal, meine ich, hat es ein bisschen geklungen wie wenn Münzen aufeinander fallen.“ - „Das ist doch Hokus-Pokus, auf den du Trottel reingefallen bist. Ich habe dich schon immer für einen Nichtsnutz gehalten. Jetzt können wir unsere Sparkasse dicht machen.“ Der Direktor wollte auf seinen Untergebenen losgehen. Doch der nahm plötzlich Haltung an und stieß sein Gegenüber zurück. „Wenn Sie meinen, dass die Sparkasse bankrott ist, dann wird sie eben – wie das so üblich ist – in eine gute und eine schlechte Bank aufgeteilt. Bei der schlechten Bank bleiben Sie der Direktor, und die Steuerzahler werden zur Abwicklung ihr Scherflein beitragen. In der guten Bank, der Bitcoin-Bank - sein Gesicht bekam einen schwärmerischen Ausdruck - „werde ich der Direktor sein. Das Anfangskapital habe ich ja im Safe gebunkert.“ - „Und wer sagt dir Gernegroß, dass ausgerechnet du Bankdirektor wirst?“ geiferte der Sparkassendirektor außer Kontrolle. Blasiert guckte ihn der zukünftige Leiter der Guten Bank an und legte seinen Kopf zur Seite: „Unser alter Regierungspräsident hat es mir eben in die Hand versprochen.“

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