
Ein Blauwal ist ein Säugetier der Superlative. Er kann bis zu 33 Meter lang und 190 Tonnen schwer werden. Sein Herz hat die Größe eines VW Käfers, seine Hauptschlagader könnte von kleinen Kindern durchschwommen werden. Wenn der Blauwal nicht von Menschen getötet wird, kann er ein Alter von 80 Jahren erreichen. Auf der ganzen Welt gibt es nur noch 2500 bis 5.000 Tiere.
Und einer von ihnen wurde Anfang April vor Madeira gesichtet. Das Walbeobachtungsboot „Ribeira Brava“, gut mit Madeira-Urlaubern besetzt, kam ganz in seine Nähe. Passagiere und die Crew waren begeistert.
Früher stand der Späher auf einem Berg oberhalb von Caniçal, dem Walfängerort. Sobald er seine Rakete abgeschossen hatte, stürmten Boote aus der Bucht hinaus aufs Meer, den gesichteten Wal zu töten. Seit einiger Zeit lauert wieder ein Späher hoch oben auf dem Berg. Mit modernem Equipment versehen: Ferngläser, die die Weite des Meeres entdecken; und anstelle der Feuerwerkskörper ein Anruf über Handy: „Ein Pottwal, so scheint es, bei 278!“ Für die Späherin Claudia Gomes noch unsichtbar geht die „Ribeira Brava“ auf Kurs, dreht voll auf. Eine Harpune hat der Kapitän nicht in Anschlag.
Pünktlich um10h30 legt das Boot ab. Der erfahrene Fischer Luís steht am Ruder. Seit 55 Jahren fährt er zur See. Kurz zuvor hatte sich Kapitän Rafael seinem Dutzend Passagieren vorgestellt. Dann verläßt die „Chavella“, ein typisch madeirensisches Fischer-Segelboot aus Holz, den Hafen von Calheta in Richtung offenes Meer. Ziel der Reise: die Aufenthaltsorte von Delfinen und Walen.
Die weltweiten Walfangquoten wurden in diesem Jahr erstmals wieder erhöht. Für Claudia und Rafael Gomes, Besitzer des Walbeobachtungs-Schiffes „Ribeira Brava“, ein bedrohliches Alarmzeichen. Spontan beschlossen sie, einen Euro von jedem verkauften Ticket an die WDCS zur Unterstützung von deren Aktionen zum Schutz der Wale und Delfine zu spenden. Doch das Engagement geht noch weiter: Aufklärung ist nötig. Wer die sanften, friedlichen Riesen gesehen hat und mehr über sie weiss, wird sich für ihr Überleben einsetzen, da sind Claudia und Rafael sich sicher.
„Der Wal kam ganz nah ans Boot heran. Dann taucht er ab und kehrt sofort zurück an die Oberfläche. Schwimmt wieder dicht am Rumpf. Da merkte ich, der spielt mit uns. Dreissig Meter lang hat das Tier uns begleitet.“ Kapitän Rafaels Augen leuchten. „Anders als einige Whale-Watch-Unternehmen jagen wir die Tier nicht. Wenn ein Wal abdreht, fahren wir auch weg.“ Vom Yachthafen Calheta geht die Fahrt täglich hinaus aufs Meer. Fast jedes Mal kommt es zur Begegnung mit Walen oder Delfinen.
Das grosse traditionelle Fischerboot war schon ausgemustert. Ein Liebhaber rettete und restaurierte es in jahrelanger Arbeit. Heute ist die „Ribeira Brava“ die letzte „Chavelha“ mit Trapezsegel vor Madeiras Küste.
Die Fischer holen die Leine ein. Einen Kilometer lang ist sie. Alle fünf Meter hängt ein Degenfisch an einem der vielen Haken. Auf einmal kommt mit der Leine ein zwei Meter langer Hai an die Oberfläche. Er hat einen angebissenen Degenfisch verschluckt und ist davon nicht mehr losgekommen.
„Als Insulaner hat man das Gefühl: das Meer sperrt uns ein. Aber es gibt eine Tür in die Welt hinaus, die man öffnen muss.“ So lautet die persönliche Philospohie von Rafael Gomes (45), der täglich seine Fahrgäste in die Welt des Meers entführt.
Wenn man genau hinsieht, schaukeln da zwanzig Personen nahe der Insel Madeira über den Atlantik. Die meisten davon sind Feriengäste. Sechs der Insassen gehören zusammen. Rafael ist der Kapitän. Er sitzt am Schiffsrand und redet mit Passagieren. Die vier Töchter haben auf der anderen Seite Platz genommen. Sie suchen die Wellen nach Delfinen ab. Am Ruder steht Claudia. Sie hat vor einiger Zeit ein Schiffspatent erworben und kann nun nach Seekarten und Sternen navigieren. Außerdem ist sie die Frau und Mutter des Teams. Das Boot schaukelt weiter. Aus dem Augenblick hinaus. Wie die Sechs zusammenkamen, lange bevor es das Boot gab, ist eine romantische Geschichte. Ihren Anfang nahm sie weit entfernt. In Köln nämlich, wo Claudia aufwuchs. Wie gelangt Eine von dort nach Madeira? Ist es doch am Rhein so schön ...