Bei den verheerenden Niederschlägen vom 20. Februar gingen unzählige Wasserkanäle zu Bruch. Das Leitungswasser war in einigen Regionen Madeiras danach nicht mehr keimfrei, anders als es jahrzehntelang überall auf der Insel selbstverständlich war.
Außerdem hatten die Bäche und Flüsse hatten soviel Geröll an Küstenzonen und Strände gespült, dass an Baden im Sommer noch nicht zu denken war. Doch das staatliche Laboratorium für Öffentliche Gesundheit hob Anfang Juni alle Bedenken auf.
Nicht jede Köchin hat es so gut. Maria Jose geht erst einmal im hoteleigenen Garten ernten, bevor sie den Herd entflammt. Natürlich schmecken später die Gäste im Restaurant der Quinta Alegre, dass dort das Obst und Gemüse fast immer frisch auf den Tisch kommen. Salat und Radieschen, Kohl für die typische „Caldo Verde“ und Obst für die selbstgekochten Marmeladen holt die Köchin sich frisch aus dem Garten des Hotels unter deutscher Leitung, das im Westen Madeiras, in Estreito da Calheta, gelegen ist. Selbst ein großer Teil der Kartoffeln wachsen auf dem Feld oberhalb des Hotels. Davon können andere Köche nur träumen. Nach Angaben eines der größten Lieferanten Madeiras langen 95 % des Obstes und Gemüses, das die Urlauber auf ihrem Teller finden, per Container auf der Insel an.
„Da sitzt du schön am Abend im Restaurant mit Meerblick und wartest auf deinen Fisch. Aus der Küche strömen Gerüche wie im Schlaraffenland. Den Wein kriegst du im Voraus, mit einem Überraschungsei serviert: kleiner Teller Tintenfischsalat und Knoblauchbrot. Unaufgefordert und klasse! Stillt schon mal den ersten Hunger. Später reibst du dir die Augen bei der Rechnung. Acht Euro extra kostet die freundliche Geste des Hauses.“ Günther Kamphusen aus Brilon (Name geändert, die Red.) ärgert sich über die falsche Gastfreundlichkeit. Leider passiert das immer öfter auf Madeira. Nicht bestellte Appetithappen werden saftig in Rechnung gestellt. Laut Reiseführer „Top 10 Lissabon – American Express Reiseführer“ ist solch Geschäftsgebaren in Lissabon gang und gäbe. Landestypisch etwa? „Komische Sitten“, quittiert der Sauerländer seinen überteuerten Restaurantbesuch.
Feriengäste klagen immer wieder darüber, daß die Mahlzeiten in ihren Hotels bloß internationalen Standards entsprechen, nichts aber von der einheimischen Kochkunst verraten. Wer typisch madeirensisch essen will, gehe zum Beispiel in die „Bar da Murca“ in Funchal. An den vier Tischen, die auf dem Pflaster vor dem Restaurant stehen, sitzt und speist es sich luftig und ordentlich. Alle Gerichte werden täglich frisch zubereitet.
Aus den Einkaufswagen von Madeirensern quellen nicht selten Berge von rohem Fleisch hervor. Mit dem aufziehenden Wohlstand überkam die Insel ein Hang zur Fehlernährung. Als Madeira noch das Armenhaus der Nation war, aßen zumindest die einfachen Leute gesund: Mittags und abends gab es Gemüsesuppe oder Eintopf, zum Frühstück und als Pausenschnitte schwarzes Brot.
Dass der Bolo de Mel ganzjährig feilgeboten wird, verdankt sich den Engländern. Diesen Madeira-Touristen der ersten Stunde gelüstete es in jeder Jahreszeit nach dem klassischen Weihnachtsgebäck. Tatsächlich stellt Honigkuchen den Magen beim Tee rundherum zufrieden, und sein Genuss, zusammen mit ein paar Gläschen Madeira-Wein, ruft selbst nach Sonnenuntergang eine glutrote Wärme vom Meeresboden zurück. Seinen süß-melancholischen Geschmack entfaltet der madeirensische Honigkuchen aber am intensivsten, wenn es früh dunkel wird und das Christkind von der Wallfahrtskirche aus mit dem Korbschlitten unterwegs ist.
Bislang vier Stände werden jeden Mittwoch an der Avenida Arriaga aufgebaut. Im Spannungsfeld der Bank von Portugal und dem Golden Gate stehen leuchtendrote Tomaten, orangefarbene Möhren oder Zitronen mit grüngelber Schale zum Verkauf. Jede Frucht ist individuell und besonders; groß oder klein, schief oder gerade gewachsen. Auch die Kunden des Bio-Marktes sind individualistisch: Residenten und Urlauber mit erlesenem Geschmack und vereinzelt auch Einheimische, die sich der Idee gesunder Ernährung verschreiben haben.
Die Anona ist eine tropische Frucht, die im Winter reift. Ihre exotische Süße betört den mitteleuropäischen Gaumen, erfrischt, obwohl jegliche Säure fehlt. Die Anona heißt auch Zimtapfel oder Cherimoya. Ihr zu Ehren wird am 23. und 24. Februar in Faial rund um die Kirche gefeiert, was das Zeug hält. Hoffentlich tanzt der Wettergott mit.
Ein Pick-Up kurvt durch die bäuerliche Siedlung. Das Megafon auf dem Dach des Führerhauses verzerrt die Worte des Fahrers: „Leute, kommt herbei. Ich kaufe eure Kartoffeln, 30 Cent das Kilo.“ Der Zwischenhändler sammelt landwirtschaftliche Produkte für die Supermärkte, die die Ware mehr als doppelt so teuer verkaufen. Nur wenige Bauern schleppen ihre Kartoffeln zum Wagen, wo sie abgewogen werden. „Lumpige Cent für so viel Knochenarbeit,“ schimpft Candida (68), die nicht verkauft. „Unsere Kartoffeln sind nur für den Eigenbedarf.“ So machen es viele. Ein anderer Teil der Bauern (8,5 Prozent) verkaufen mit knapper Rendite auf Bauernmärkten - den alten und den neuen.
Der erste Eindruck ist – sauer. Richtig sauer ist dieses Getränk und dazu schmeckt es stark nach Hefe. Der zweite Eindruck ist – erfrischend, leicht, warm. Der madeirensische Apfelwein verblüfft. Wer einen fruchtig-süßen, perlenden Cidre aus der Normandie oder der Bretagne erwartet, ist enttäuscht. Doch wer sich auf das Gläschen Sidra einläßt, das die Wirtsfrau mit erwartungsfroher Miene auf die Theke gestellt hat, freut sich über den wunderbar herben Nachgeschmack, über das erstaunliche Volumen dieses Obstweines, über das wohlige Gefühl im Magen.
Hier oben hält es niemanden mehr in seinem Mietwagen, jedenfalls nicht bei gutem Wetter. Dann hat man nämlich eine Aussicht bis weit in die Bucht von Funchal hinein, gerahmt vom Grün der Berge und vom Blau des Meeres. Anhalten und Pause machen ist eine gute Idee.
Das Monopol der H-Milch auf Madeiras Markt ist zunächst einmal gebrochen. Filialen des Supermarktes Pingo Doce bieten probeweise homogenisierte und pasteurisierte Frischmilch aus Festlandportugal an.
Vergeblich halten müde Wandersleute Ausschau nach einem Erfrischungskiosk oder wenigstens einem Getränke- und Eisautomaten. Madeira ist reich an natürlichen Panorama-Picknick-Plätzen entlang der Wanderwege. Doch Ess- und Trinkbares befördert dorthin ausschließlich der eigene Rucksack.
Selbst kritische Umweltgruppen bescheinigen dem Leitungswasser Madeiras eine gute Qualität.
Madeira ist die Blumeninsel. Üppige Vegetation erwartet einen selbst im trockenen Hochsommer. Der Wanderer entdeckt unterwegs Mango- und Avocadobäume, das Auge freut sich an knallroten Tomaten, graugrünen Kiwis und tiefgelben Zitronen. Wo kann man solche Köstlichkeiten kaufen? Gibt es denn wirklich nur die grosse Markthalle in Funchal?
Im Souterrain liegt der Bio-Laden, eine Etage höher – zu ebener Erde also – das Restaurant „Ao Natural“. Von der Altstadtgasse führt eine kleine Brücke hinüber. Symbolisch gesehen, betritt man Neuland. Auf Madeira war die makrobiologische Ernährungsweise bislang weitgehend unbekannt. Echte Kenner der Ying-Yang-Lehre werden sich freilich im großen hellen Speisesaal mit den lachsfarbenen Marmorwänden sofort heimisch fühlen.
Madeiras Gastwirtschaften pflegen in der Regel den "iberischen" Stil. Die dunklen, ungastlichen, mit Neonlicht ausgestatteten Spelunken vergällen einem den Kaffee, das Bier, vom Gläschen Wein ganz zu schweigen. Ein Wirt in Arco de Calheta scherte aus der Tradition aus. Senhor Paulinho errichtete einen Glas-Pavillon vor der Dorfkirche.
Wer unter den Madeira-Reisenden kennt nicht die Honigkuchen-Spezialität der Insel? Ebenfalls schmackhaft, aber weniger kalorienreich, ist die Broa Castelar – ein Gebäck, das zu 50 Prozent aus Süßkaroffeln besteht.
Die Pimpinella ist eine Kürbisart. Sie wächst wie Unkraut, schmeckt nach Nichts und ist die Gemüseleibspeise der Madeirenser. Die deutsche Madeira-Residentin Stefanie hat eine Suppe kreiert, in der die Langweiler-Frucht zu peppigem Leben erwacht.
Eine typische Madeirenserin ist Dona Otilia nicht. Zumindest was ihre Vorliebe beim Essen angeht. Während ihre Landsleute ausgesprochen deftig und kräftig zulangen, bringt die Hobbyköchin traditionelle Speisen mit unkonventionellen Geschmacksnoten zusammen.
Dem Erdboden Madeiras fehlt Kalk. Folge davon – und darüber hinaus Konsequenz des ausgeglichenen Klimas - ist eine tropische Pflanzenwelt, die auf dem betreffenden Breitengrad eigentlich nichts verloren hat (sagen inselreisende Biologen immer wieder – augenreibend und kopfschüttelnd). Gleichfalls resultiert aus dem Fehlen von Kalk im Erdreich der Insel eine leider nur bescheidene Weinqualität. Der Madeirawein macht aus der Not eine Tugend. Er veredelt vier geniessbare Weine mit unterschiedlichen Charakteren durch langjährige Wärmereifung und Eichenfaßlagerung zu edlen Tropfen. Unter Zuführung von Alkohol entsteht ein fast zwanzigprozentiger Apéritif oder Digestif, der zum Kochen viel zu schade ist (sagen Weinselige mit rührender Miene).
Vier Madeirenser glauben an die Macht natürlicher Produkte. Sie sind mit „Bio-logos“ seit vierzehn Jahren erfolgreich und werden zum Herbst 2005 über ihrem Laden ein vegetarisches Restaurant eröffnen.
Hier kann man natürlich auch gut essen. Ein Teller Fischsuppe von rötlicher Farbe, nach frischen Kräutern duftend und mit herrlichem, grätenfreien Fleisch, läßt die Qualitäten des Kochs erahnen. Doch die eigentliche Attraktion ist hier nicht die feine Küche, sondern die atemberaubend schöne Aussicht.
„Fisch und Meeresfrüchte“ stand auf der Wunschliste der Gäste – wohin also im „wilden Westen Madeiras“? Das Restaurant „A Poita“ in Madalena do Mar wird vor allem von Wandergruppen immer wieder empfohlen.
Wer stundenlang tapfer über das Kopfsteinpflaster Funchals wandert, um die Schönheiten der Hauptstadt zu entdecken, sehnt sich manchmal nach einer Pause, nach einem Moment des Ausruhens im Grünen.