Lärm

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Lärm nervt

8. Dezember 2018

Bei der Bekämpfung des Lärms zeigen sich Madeiras Behörden hilflos. Oder aber sie machen selbst den größten Krach

santos - Party am Strand. Um fünf Uhr morgens spielt die Musik immer noch in voller Lautstärke. In der Nacht gehen ein halbes Dutzend Anrufe aus den umliegenden Hotels bei der Polizeiwache ein. Die Gäste beschweren sich, weil sie nicht schlafen können. Um kurz vor fünf schildert eine hilflose Rezeptionistin der Polizei den Tobsuchtsanfall eines Hotelgastes vor ihrem Schreibtisch. Der Kommandant beschliesst, selbst einzuschreiten. Er trifft am Strand auf ein Dutzend Menschen in Feierlaune, unter ihnen den Bürgermeister der Stadt. Der Kommandant salutiert, verweist auf die telefonischen Klagen und fordert auf, die Party zu beenden. „Wer hier entscheidet, das bin ich!“ herrscht ihn der Bürgermeister an. Das war im Jahre 2005. Zwei Jahre später verabschiedet das portugiesische Parlament ein weitgehendes Lärmschutzgesetz. Seitdem hat sich nichts verändert.

Das Problem ist der Absolutismus, den das Gesetzt festschreibt. Jeder beliebige Bürgermeister kann eine Sondergenehmigung erteilen. Damit sind die gesetzlichen Bestimmungen von Lärmbegrenzung in Uhrzeit und Volumen außer Kraft gesetzt. Dann vibrieren die Betten von Anwohnern und Feriengästen im fiebrigen Rhythmus des Techno-Basses bis zwei Uhr oder sechs Uhr morgens. Je nachdem, wie das Stadtoberhaupt die „licença especial“ ausgestellt hat. Und dies bei Stadtfesten oder Musikveranstaltungen in der Gastronomie, so oft im Jahr, wie seine Exzellenz belieben. 

Der Gesetzgeber stellt sich selbst in Frage, wenn er für die Beantragung der „licença especial"vorschreibt, dass in der Begründung für außergewöhnliche Beeinträchtigungen Lärmschutzmaßnahmen angegeben werden – „falls vorhanden“, wie es im Gesetzestext heisst.

Wie sollen bei einem nächtlichen Rockkonzert mit anschliessender Disco-Night anwendbare Lärmbegrenzungen installiert werden? Soll man etwa eine spanische Wand vor die Lautsprecherboxen stellen? Es hilft nur, das Volumen am Mischpult auf die gesetzlich bestimmte Maximallautstärken herunterzuregeln. Die Ausnahmereglung des absolutistischen Stadtoberhauptes bringt jedoch das Gesetz zu Fall.

Noch absurder wird es bei der sogenannten „Hintergrundmusik“ (musica ambiente), die Gastwirtschaften oder Hotels im Rahmen von Animationen abspielen. Die gesetzlichen Limits für die Lautstärke liegen bis 20 Uhr bei 60 dB und danach, bis 23 Uhr, bei 55 dB Lautstärke im Außenbereich. Das Lärmschutzgesetz schreibt peinlich genau vor, mit welchem Abstand von Wänden der Lärm zu messen ist, bevor die Polizei, das Rathaus oder gar richterliche Maßnahmen eingreifen. Doch in Madeira gibt es nicht ein einziges amtlich geeichtes Messgerät, so dass eine fundierte Beschwerde gegen Lärm nicht möglich wird.

Es ist „angedacht“, Geräte zur Reduzierung von Lärm mit amtlicher Eichung im Jahr 2019 der Polizei oder den Rathäusern an die Hand zu geben, berichtete im Herbst die Tageszeitung Diario de Noticias. An der Ausführung dieses Vorhabens sind in einem umstandskrämerischen Portugal so viele Behörden beteiligt, dass auf weite Sicht kein Lärm „amtlich“ feststellbar sein wird. Der einzige Weg, gegen die zunehmende Tendenz nächtlicher Ruhestörung vorzugehen: mit Hilfe der Presse und mit Beschwerdebriefen bei den Behörden zu protestieren. Immer mehr Bürger – Einwohner und Touristen - gehen diesen Weg. Bisher stoßen sie bei den sogenannten Autoritäten auf taube Ohren – kein Wunder bei dem Krach.

LESERBRIEF EINES BETROFFENEN EINWOHNERS VON FUNCHAL   26.12.2018

(Name und Adresse sind der Redaktion bekannt)

Im Jahre 2000 habe ich eine Wohnung im Zentrum von Funchal – oberhalb des Parkhauses in der Rua de Sao Francisco – erworben.Der freundliche Verkäufer machte darauf aufmerksam, daß es gelegentlich zu Lärmbelästigungen – ausgehend von der kleinen Bühne im nebenan liegenden Jardim Municipal – kommen könnte. Es zeigte sich jedoch, daß diese Besorgnis unbegründet war ; die Bühne schlummert weitgehend unbenutzt vor sich hin.

In der ersten Jahren des Aufenthaltes in unserer Wohnung ( wir verbringen die Wintermonate hier ) war das lauteste Geräusch der schnarrende Ton einer Blindenampel an der Av. Arriaga ; an sonsten herrschte meist himmlische Ruhe. Wir schliefen bei offener Terrassentür und tagsüber genossen wir die Sonne und Ruhe auf unserer Terrasse.

So vor etwa 10 Jahren änderte sich die Situation : das Cafe do Teatro wurde ( meist Mittwochs und Samstags ) in eine Disco umfunktioniert. Es geht so etwa um 23 Uhr los und dauerte regelmäßig bis 5 Uhr morgens. Der Lärm ist infernalisch ! Da die überwiegend madeirensischen Mitbewohner unsere Hauses dies eher schulterzuckend zur Kenntnis nahmen , habe ich mich einmal in der Gegend umgehört. Im Hotel Madeira ( an der Rua Ivens direkt nördlich vom Jardim Municipal ) zeigte man mir das Beschwerdebuch voll mit Gästeklagen. Der Manager dort berichtete, daß man nachts regelmäßig die Polizei anruft und diese auch tätig wird. Aber nach 10 Minuten wird wieder auf volle Pulle gedreht. Soweit zu den nächtlichen Lärmbelästigungen .

Während es tagsüber meist weitgehend ruhig bei uns war, änderte sich dies in etwa zu dem Zeitpunkt der Eröffnung des Ritz Cafe . Zunächst nur ausgehend vom Ritz , später auch vom Cafe do Teatro sowie von diversen Gruppen auf der Av. Arriaga ertönt ganztägig Musik ; natürlich immer mit Hilfe einer Verstärkeranlage. Nun könnte man meinen, Musik ist doch ganz schön . Und der Applaus z.B. der Besucher des renovierten Grand Cafe für die zwischenzeitlich von der Av. do Mar auf die Av. Arriaga vorgerückte Flötentruppe aus den Anden unterstreicht das. Aber wenn man zum siebenundzwanzigsten Mal am Tage La Paloma ausgesetzt ist, dann beurteilt man die Sache anders….

Jedenfalls ist das Verweilen auf unserer Terrasse nicht weiterhin unbedingt ein Lustgewinn.

Ich habe ja volles Verständnis dafür, daß eine gewisse Menge von Unterhaltung zu einer touristischen Stadt wie Funchal dazugehört. Ich würde mir nur wünschen, daß sich die akustische Reichweite auf die unmittelbare Zielgruppe beschränkt . In einigen Städten ist dazu übergegangen worden, den Einsatz von Verstärkern zu verbieten ; daß würde viele Probleme lösen. Die Rechtslage in Portugal ist wohl so, daß für das Thema Lärmbelästigung tagsüber (bis 22 Uhr) die Verwaltung und nachts die Polizei (Erfahrung siehe oben) zuständig ist.

Ich habe 3 Eingaben bei der Verwaltung – jeweils mit Bezug auf das aktuelle Lärmschutzgesetz – gemacht . Außer dem Hinweis auf die noch zu beschaffenden Lärmmessgeräte habe ich keine wirklich verwertbaren Ergebnisse erzielt.

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