Pfarrerin Ilse Everlien Berardo
Pfarrerin Ilse Everlien Berardo. Foto: Claus Capsius
Dr. Anne Martina Emonts
Dr. Anne Martina Emonts bei der Ausstellung Foto: Petra Steglich
Einige der Studentinnen und Studenten vor der Ausstellung
Einige der Studentinnen und Studenten vor der Ausstellung. Foto: Redaktion

Druckansicht

Luther auf Madeira

15. März 2017

Nach 500 Jahren ist der Reformator endlich angekommen

eins - „In Memoriam Doctor Martinus“ hieß ein Nachmittag im Lutherjahr. Die Universität von Madeira hatte dazu eingeladen. Zum Schluss gab es Madeira Wein, aber vorher ging es keinesfalls weinselig zu.

Der Titel „Here I stand“ klingt wie ein Pop-Song. Es ist das Leitmotiv einer Ausstellung, die in 16 Plakaten zweisprachig Luthers Werk und Wirken veranschaulicht. Die Präsentation in den Räumen des Jesuiten-Kollegs wird durch Musik aus dem Barock, Filmszenen und die Auslage alter Bibeln bereichert.
In den ehrwürdigen Ausstellungssaal strömte denn am Nachmittag des 14. März akademische, kirchliche und offiziöse Prominenz, um wenig später zusammen mit einem breit gefächerten Publikum einem Symposion beizuwohnen. Die anwesenden Studenten und Studentinnen verfolgten die Veranstaltung, erstaunlicherweise ohne sich von ihren Smartphones ablenken zu lassen. Nur der Bischof von Funchal war zeitweise eingeschlummert.
Einen „Hammerschlag, der eine neue Epoche einleitete“, nannte der Historiker Nelson Verissimo aus Funchal Luthers Thesenanschlag. Er habe nicht nur dem religiösen Leben vehemente Impulse gegeben, sondern auch eine schulgeldfreie allgemein zugängliche Erziehung auf den Weg gebracht. Auch Mädchen sollten lesen lernen, um sich eigenständig die Bibel anzueignen.
Die „ökumenische Einheit im Gedenken“ lag Ilse Everlien Berardo in ihrem Diskurs besonders am Herzen. Die Pfarrerin der Deutschsprachigen Evangelischen Kirche auf Madeira sprach aus der Diaspora-Position ihre Genugtuung darüber aus, dass nach Dekaden gegenseitiger Missachtung, Verleumdung, gar „Kriegen“ zwischen den Konfessionen die Reformation einvernehmlich als dynamischer Markstein der christlichen Glaubensgeschichte gewertet werde. Aufmerksames Zuhören im Publikum. Dazu zählten immerhin der amtierende Bischof von Funchal, der nunmehr ganz präsent war, der Altbischof, der Pfarrer der presbyterianischen Gemeinde, Vertreter der anglikanischen Gemeinde und der Kirchenrebell Padre Martins, der vor vierzig Jahren wegen Linksprofilierung exkommuniziert worden war und seitdem seine Gemeinde auf eigene Faust führt.
Widrige Winde über dem Flughafen von Madeira verhinderten die Landung von Viriato Soromenho-Marques aus Lissabon. Per Video-Schaltung bezog sich der Geisteswissenschaftler auf Max Webers Schrift „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ – ein Werk, das in der Soziologie unbeachtet blieb, aber in evangelischen Fakultäten zur kritischen Auseinandersetzung mit Luthers und Calvins Mentalitätsmodulation gehört. Die Reformation habe einen Modernitätsschub in Wirtschaft und Gesellschaft bewirkt, in dessen Folge die protestantisch geprägten Nationen zu Prosperität gelangten, während katholisch geprägte Länder ins Hintertreffen gerieten.
Vom Zusammenwachsen der Kirchen sprach der Bischof von Setúbal. Bischof José warnte davor, Divergenzen zu verdrängen. Nur wenn man einander die Geschichten der Vergangenheit erzählt, trifft man sich in der Aktualität der Gegenwart: „Erinnerung macht den Glauben dynamisch“. Eine „permanente Dynamik der Reformation“ hatte zuvor Ilse Everlien Berardo in ihrem Diskurs postuliert. In einem Interview am Rande der Veranstaltung wurde von Studierenden diese Dynamik erkannt und gleichzeitig als Leerstelle im katholischen Gefüge benannt. Die Studentinnen und Studenten waren in einem Seminar der deutschstämmigen Dozentin Anne Martina Emonts in engeren Kontakt zu Luther gekommen. Aufgabe war, die aus Deutschland eingeflogenen Plakate zur Reformation ins Portugiesische zu übersetzen. Leichter gesagt als getan, denn für manchen Begriff, der Luther selbstverständlich war, gibt es im Portugiesischen keine Entsprechung. Die Auseinandersetzung mit dem Rebell, der schließlich gesagt haben soll „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“, hat den Studentinnen und Studenten gezeigt, dass nicht kirchliche Autoritäten die Individualität bestimmen müssen. Aus ihrer portugiesischen Perspektive beschrieben sie die evangelische Kirche als eine Art „Minikirche“, erklärten aber anerkennend die Frauenordination und den Einzug von Sexualität und Familie ins Pfarrhaus für überfällig in modernen Zeiten.
Die Ausstellung im Jesuiten-Kolleg ist bis zum 31. März geöffnet. Der Eintritt ist frei. Vom Rathausplatz aus wendet man sich links nach oben, etwa 100 m weiter auf der linken Seite befindet sich der Eingang zur Universität.

Leserbriefe

Keine Leserbriefe vorhanden

Leserbrief schreiben

Mit Sternchen (*) gekennzeichnete Formularfelder müssen ausgefüllt werden.