Christa

Christa

Christa und Peter

Christa

Christa

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Angekommen auf Madeira

30. Juli 2018

Angekommen bei sich selbst

Dieser Artikel über eine deutsche Auswanderin in Ponta do Sol erschien bereits in der Zeitschrift "Meins".Sowohl Zeitschrift als auch Autorin gaben ihre freundliche Zustimmung, den Artikel unverändert in der Madeira-Zeitung zu wiederholen. Fotograf: Jörg Beutel.


gitta schröder - In ihrem Leben hat Christa Sewera, 55, vor allem gearbeitet. Mit Erfolg und immer mehr. Kurz vor dem Burn-Out zieht sie die Reißleine.

Energisch stapft Christa Sewera die Treppe hoch, zieht die Wanderstiefel aus und trinkt in einem Zug ein großes Glas Wasser. Sie ist gerade zurück von einer Tour auf den Pico do Arieiro. "Von dem 1800 Meter hohen Berg hat man einen atemberaubenden Blick auf die Insel und das Meer", erzählt sie. Seit elf Jahren lebt sie mit ihrem Mann Peter in dem kleinen Dorf Ponta do Sol auf der portugiesischen Blumeninsel. Beim Blick in ihren Garten wird klar, wie Madeira zu diesem Beinamen kam, denn neben mannhohen Bananenstauden wuchern hier gigantische Oleander und riesige Büsche mit orange-violetten Strelitzien. "Was man auch pflanzt - alles wächst und gedeiht wie in einem riesigen Garten Eden", sagt die Hobbygärtnerin. "Das Klima ist ideal - mit milden Wintern um 20 Grad und Sommern, die meistens nicht wärmer als 25 Grad werden."

Ganz anders als in Deutschland mit seinen langen, dunklen Wintermonaten, die Christa und Peter früher richtig belastet haben. Deshalb wollten sie für`s Alter unbedingt einen sonnigeren Platz finden. Aber auch Abenteuerlust und der Wunsch nach etwas völlig Neuem trieben Christa damals an.

Damals-das war die Zeit, als Christa nicht mehr gehetzt frühmorgens aufstehen wollte.

Denn früher war die Sozialarbeiterin fast 24 Stunden am Tag und jedes Wochenende für Sozialwaisen und Asylanten tätig. Und später, als sie zusammen mit ihrem Mann eine Anwaltskanzlei in Pforzheim betrieb, für ihn Schriftsätze aufsetzte und sich um Betreuungsfälle kümmerte, wurde es nicht besser. Das Paar, das mittlerweile 22 Jahre verheiratet ist, war 15 Jahre lang so sehr in Arbeit eingebunden, dass für Urlaube und Hobbys kaum Platz war. "Höchstens mal eine Woche im Februar und November. Wir haben wirklich extrem viel malocht. Und weil wir gut waren, multiplizierte sich die Arbeit wie Sauerkuchen. Sie wurde immer mehr. Und wir immer müder. Zum Schluss, das kann man sagen, waren wir beide richtig ausgebrannt", kann sich Christa heute eingestehen.

Sie wollen sich ein kleines Paradies im Süden suchen, um ihre Rente zu genießen. Auf Madeira fällt die Wahl, weil sie in den 90ern in Portugal ihren ersten gemeinsamen Urlaub verbrachten und Peter etwas Portugiesisch kann. "Und uns gefiehl die Mentalität der Portugiesen. Sie sind unglaublich ruhig, herzlich und Fremden gegenüber sehr offen", sagt Christa. Während eines Urlaubes beauftragen sie einen Makler, ein geeignetes Haus zu suchen. Als er ihnen den Rohbau auf dem Hügel präsentieren, sind sie sofort sicher: Das ist es!

Aber weil die Uhren auf Madeira etwas langsamer ticken, dauert es noch zwei Jahre, bis die Casa Albatros endlich bezugsfertig ist. "Wie kaputt wir damals waren, zeigt die Tatsache, dass wir die ersten zwei Jahre kaum etwas gemacht haben. Wir haben uns nur ausgeruht", erinnert sich Christa.

Nach und nach kehrte die Kraft zurück.

Christa besucht einen Sprachkurs und kann sich heute fließend mit ihren Nachbarn unterhalten. Sie hat inzwischen viele Freunde in ihrer Kirchengemeinde gefunden, und Christa schließt sich einer Künstlergruppe an, beginnt zu malen und Steine zu verzieren. "Steine sind irgendwie mein Thema", erzählt sie und zeigt auf den kleinen Haufen im Garten, von dem jeder Gast ein bemaltes Erinnerungsstück mitnehmen darf. Und die Indien-Facemassage hat sie gelernt. Die bietet sie Touristen zur Entspannung an.

Durch die Vermietung ihres Ferienapartments im Erdgeschoss (www.casa-albatros.com) hat die 55-Jährige auch einiges um die Ohren. Sie freut sich aber, auf diese Weise immer neue Menschen kennenzulernen. Sie nimmt die Gäste gern zu Wandertouren mit, zeigt ihnen die Höhlensysteme an der Nordküste, die Hochebene Paul da Serra oder viele der sogenannten Levadas - alte Bewässerungskanäle, die zu Wanderrouten umgebaut wurden.

Aber bloß nicht übertreiben!

Das mit dem Arbeiten. Denn was die beiden auf Madeira entdeckt haben, ist die totale Entschleunigung. "Ich musste das richtig lernen. Aber jetzt genieße ich mein entspanntes Leben", sagt Christa und lässt den Blick übers Meer schweifen. "Irgendwo da drauße ziehen vielleicht gerade riesige Pottwale vorbei. Mit bloßem Auge kann man sie von hier aus nicht sehen, aber erahnen schon. Ist doch toll, oder?" Ja, ist es. Und es ist toll, dass diese zwei ihren Traum umgesetzt haben - und hier mitten im Meer angekommen sind. Bei sich selbst.

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