Service der Seguranca Social
Senhora Teresa und Pflegerin Catia verstehen sich gut

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Häusliche Pflege – notdürftig, aber ganz nahe bei den Menschen

28. Mai 2018

Kostenlos, ohne Zeitdruck und ohne Pflegebett

eins - „Ich habe Ihnen ein Stück Kuchen verwahrt“, sagt am Ende des Besuchs die 80jährige Augusta zu Catia, ihrer Pflegerin. „Oh, danke. Den Kuchen nehme ich mit zur Senhora Teresa. Da wartet schon ein Kaffee auf mich.“ Catia steigt in ihr Auto und fährt ein kurzes Stück bis zu ihrer nächsten Patientin. Teresa (78) erwartet sie zusammen mit ihrer Nichte. Alle kennen sich untereinander in dieser ländlichen Gegend. Und wenn nicht, erzählt eine jede von zu Hause, den Kindern, Eltern, Geschwistern, den Verstorbenen, den Hunden und Katzen, die zur Familie gehören. Catia ist Anfang Zwanzig, hat mit Abschluss der Sekundarstufe die Hochschulreife erworben. Nun will sie erst einmal Geld verdienen und ein eigenes Auto fahren. Und so wäscht die junge Frau seit mehr als einem Jahr alte Menschen im Auftrag des staatlichen Gesundheitsdienstes. Für einen Hungerlohn, allerdings in einem Arbeitsleben ohne Stress.

Die Arbeit von Catia und ihren 1400 Kolleginnen auf Madeira besteht hauptsächlich in der hygienischen Versorgung alter Menschen. Ein kleiner Teil der Pflegerinnen wird in Tagesstätten eingesetzt, der Großteil ist im ambulanten Dienst unterwegs. Leicht geht den Frauen mit den groben blau-weiß gestreiften Schürzen die Arbeit bei Personen von der Hand, die noch einigermaßen mobil sind. Schwer wird die Arbeit bei bettlägerigen Patienten. Sie müssen mit Körperkraft aus dem Bett gehievt, in einen Rollstuhl umgesetzt oder zumindest im Bett umgedreht werden, damit die Reinigung des Körpers und der Austausch des Bettlakens möglich wird. Pflegebetten gibt es in Privathaushalten fast nie, so dass die Pflegerinnen in harter Knochenarbeit heben, stemmen und hinunter lassen müssen. Nach einigen Jahren fangen die Rückenschmerzen an. Bei Senhora Ção (43) wurden nach zehnjähriger Arbeit 14 Bandscheibenvorfälle diagnostiziert.

Für ihre Arbeit erhalten die angelernten Pflegekräfte nur wenig mehr als den gesetzlichen Mindestlohn von 590 Euro pro Monat. Was sie mehr in der Lohntüte haben, geht für den Unterhalt ihres Privatfahrzeugs drauf, das sie unentgeltlich im ambulanten Dienst einsetzen.
Von Montag bis Freitag, an sechs Tagen in der Woche, suchen die Pflegerinnen ihre Patienten auf. Das tägliche Pensum ist gut zu schaffen. Im ambulanten Dienst kommen auf eine Kraft durchschnittlich acht bis zwölf Patienten pro Tag – je nach Lage der Dinge. Es wird nicht im Minutentakt geplant. Davon profitieren alle, denn Zeit für menschliche Begegnung ist so immer vorhanden.

Der Vorteil dieser Idee eines solidarischen Fürsorge- und Gesundheitssystems ist, dass die Versorgung Hilfebedürftiger nicht primär dem wirtschaftlichen Kalkül unterliegt. Unvorstellbar aus deutscher Perspektive, dass die Körperpflege, aber auch der Besuch der Krankenschwester für die Alten auf Madeira kostenlos ist.
Der Nachteil besteht darin, dass es innerhalb des solidarischen Systems überall am Geld fehlt. Der viel zu niedrige Lohn der Frauen aus der hygienischen Versorgung ist offenkundig. Wenn man weiter forscht, wird der Mangel noch deutlicher:

27 Millionen Euro im Jahr lässt sich der portugiesische Staat die häusliche Pflege kosten, so listete in diesen Tagen die Zeitung „Diário de Notícias“ die Ausgaben auf. Mit dieser Summe werden 3455 Personen versorgt – aber nur hygienisch. Die meisten Patienten benötigen jedoch zusätzlich umfassende Versorgung – vom Frühstück machen bis zum Essen anreichen, von der Wäschepflege bis zum Boden Schrubben. Diese Arbeit wird von den Angehörigen geleistet, die finanziell leer ausgehen: ein Pflegegeld gibt es in Portugal nicht.
Werden die Hilfebedürftigen im Pflegeheim untergebracht, kosten sie noch weit mehr für das Solidarsystem. Denn bei Heimunterbringung zieht die Sozialkasse lediglich die Renten der Bewohner ein. Das Einkommen der Kinder wird nicht veranlagt, und auch der Immobilienbesitz der Bewohner schlägt nicht zu Buche. Faktisch heißt das: je mehr Heimbewohner, desto ärmer der portugiesische Staat. Daher die Bemühungen, alte Menschen so lange wie irgend möglich zu Hause zu halten. Das kommt den Wünschen der Patienten meist entgegen, die Versorgung der Patienten bleibt so jedoch lückenhaft. Und letztlich unterzieht sich das solidarische System doch auch dem wirtschaftlichen Kalkül durch die Einrichtung der hygienischen Versorgung, die pflegerisch als notdürftig und halbherzig bewertet werden muss. Menschlich muss man aber festhalten: bei dem Besuch der Frauen mit der blau-weißen Schürze schlägt dafür meist das ganze Herz.

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