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Ach du liebe Güte!

22. Januar 2018

Sprechstunde im Futterhandel

eins - Samstag Mittag auf dem Land. Sieben vierbeinige Patienten sind in Begleitung beim Arzt erschienen. Vielmehr kam der Arzt zu ihnen her gefahren, denn er weiß von den Haltern: Keiner von ihnen würde mit Hund oder Katze einen Tierarzt aufsuchen und hundertfünfzig oder mehr Euro aus dem Portemonnaie ziehen, um das Tier behandeln zu lassen. Diese „Praxis“ aber kennen sie alle: Futtermittel, Dünger und auch Saatgut kaufen sie hier. Die meisten kommen zu Fuß: Dona Mercês mit dem uralten Mischling „Preto“, der seit Tagen Bauchschmerzen hat und nicht fressen will. Senhor Carlos mit seinem Spitz „Bobby“, der hinkt, seitdem er vors Auto gelaufen ist. Und auch Cristina mit ihrem Kater „Momo“, der geimpft werden soll.

Arrangiert hat die Sprechstunde in Mutters Futterhandel die Sportlehrerin Maria João, Anfang 30. Nicht nur die Fahrt in die Stadt spart, wer seinen Liebling hier vorstellt, sondern die Preise sind extrem niedrig. Angepasst an Minimum-Rente und Niedrigerlös für geerntete Kartoffeln und Kohlköpfe - das kleine Einkommen, das viele hier haben.

Maria João schafft es, alle zwei Monate Kleintierhalter mit einem Veterinär zusammen zu bringen. Jorge Martins (33) hat seine Praxis in São Vicente an der Nordküste Madeiras. Wenn Tierfreundin Maria João genügend Patienten auf ihrer Liste hat, ruft sie Dr. Jorge an. Er kommt dann samstags rüber an die Südküste – nach Canhas oberhalb von Ponta do Sol – um Hunde und Katzen zu impfen oder zu untersuchen, Rezepte auszustellen und die Tierhalter für die Therapie anzuleiten.

Es riecht intensiv nach Tierfutter. Wie eine große Garage sieht es in dem Futterhandel aus. In drei Hallen sind die Säcke gestapelt, in Regalen und „Giftschränken“ die Flaschen und Tüten mit Rattengift und Schneckenkorn ordentlich aufgereiht. Auch Arbeitsschuhe und Gummistiefel zum kleinen Preis kann man kaufen. Spaten, Hacken und Rechen hängen an den Wänden.
Der Tierarzt praktiziert auf dem Betonfußboden. Einen Behandlungstisch, sterile Tücher oder Schubladen mit blinkendem Werkzeug sucht man hier vergeblich. Auch von Diskretion kann keine Rede sein. Vielmehr sind alle am Behandlungsprozess und Therapieplan beteiligt. Ohnehin kennt man sich ja, sowohl die Menschen als auch die Tiere.

Da ist in Mutters Futterhandel am Sprechstunden-Tag ganz schön was los. Die Frauchen und Herrchen müssen darauf achtgeben, dass die Hunde nicht aufeinander los gehen. Viele der Tiere sind es nicht gewöhnt, an der Leine zu gehen oder womöglich in eine Transportbox gesteckt zu werden. Der Arzt ist ihnen nicht geheuer, er riecht so komisch und fasst genau dorthin, wo es weh tut. Kürzlich ist der Veterinär, der in Porto studiert hat und seit 2010 praktiziert, wieder einmal gebissen worden. Aber Jorge hat das ganz locker weggesteckt. Er mag die Tiere und auch die Menschen vom Land, die zur provisorischen Sprechstunde erscheinen. Er freut sich, dass allmählich ein Wandel in der Einstellung zum Tier bei den Bauern auf dem Land zu beobachten ist. Mancher schaut nicht mehr tatenlos zu, wie seine Katzen und Hunde sich schier unendlich vermehren. Für Sterilisationen und Kastrationen wird manchmal gar gesammelt, damit es nicht am Geld scheitert.
Um 13.30 Uhr leert sich die Praxis. Preto muss ein Antibiotikum einnehmen, sein Darm ist entzündet. Bobbys Bein wird geschient, aber so schnell rennen wie vor dem Unfall wird er wohl nie wieder. Und Cristinas Katerchen soll in einigen Wochen wiederkommen. Dr. Jorge wird ihn dann – jedoch in São Vicente in der Klinik – zum Sonderpreis kastrieren, wie schon viele Kater vor ihm. Damit in Canhas in Zukunft niemand mehr die Katzenbabies ertränkt oder einfach in der Tiefkühltruhe einfriert.

Maria Joãos Mutter gibt gern einen guten Rat und ist immer stolz dabei, wenn der Tierarzt kommt. Denn diese Gemeinschaftsaktion der guten Taten findet schließlich unter dem Dach ihres Futterhandels statt.

Leserbriefe

Marcelo Gaspar 04.02.2018 18:44

Uma leitura muito interessante sobre os nossos queridos animais. Muito obrigado!

Jens Schmidt 23.01.2018 07:11

Vielen Dank für diesen Einblick in das alltägliche Leben der Menschen auf dem Land! Wie schnell vergisst man als Tourist doch, wer für den reich gedeckten Tisch sorgt und dass das vermeintliche Paradies auch seinen beschwerlichen Alltag hat!

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